Michael Haussmanns Position ist die eines Künstlers, der zwischen seinem ausgeprägten Intellekt und der vielschichtigen Verrätselung seiner Bilder sowie entschiedener Emotionalität pendelt, wobei diese wesentlich in eigenem biographischen Erleben gründet. Seine Emotionalität spiegelt Einfühlungsvermögen, ja sogar Zärtlichkeit, ebenso wie Verletztheit, ja sogar Haß. Darüber hinaus beziehen sich seine intellektuellen Ambitionen und sein persönliches Engagement gleichermaßen auf literarisch-künstlerische Inhalte, historische und lebende darunter viele befreundete - Personen sowie gesellschaftliche Situationen. Aber niemals würde Haussmann bei seinen Thematisierungen vordergründig politisch oder ideologisch agieren, sondern stets distanziert-ironisch, hintergründig, gelegentlich sogar bitter-böse. So ist z.B. das Gemälde Der Schuh des Monsieur Braille eine unübersehbare Attacke gegen die Arroganz der Sehenden: Homo homini lupus.
Bilder von Michael Haussmann - Eine Einführung von Jochen KronjägerAls Gustav Friedrich Hartlaub, damaliger Direktor der Städtischen Kunsthalle Mannheim, 1923 eine Ausstellung zu den sich deutlich manifestierenden Tendenzen eines neuen Realismus als rationale Reaktion auf die emotionalen, psychischen, ja sogar psychotischen Grundlagen des Expressionismus plante, stieß er erst einmal auf Ablehnung. Von ihm befragte Museumskollegen, Galeristen und Künstler reagierten missgestimmt oder gar nicht. Zwei Jahre später führte die gleiche Umfrage zu einem überwältigenden Erfolg: Sie mündete Mitte Juni 1925 in eine Ausstellung, die unter dem Titel Neue Sachlichkeit" einer ganzen Kunstrichtung den Namen gab. Dabei hatte Hartlaub, weil er für diese neuen realistischen Tendenzen in der Kunst keine übergreifende Stilbezeichnung finden konnte, in seiner Not einen Begriff aus der Architektur übernommen, der 1919 - unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg entstanden war.
Die Neue Sachlichkeit umfasste alle Realismen, die zu jener Zeit en vogue waren, so z.B. George Grosz und Otto Dix mit ihren sarkastischen, aber auch psychoanalytischen Übertreibungen, Franz Radziwill mit seiner oft düsteren, Katastrophen ankündigenden Bildmagie, Alexander Kanoldt mit seinen am Kubismus orientierten, streng architektonisch gebauten Bildern, Christian Schad mit einem kühlen, klinisch-ästhetischen Menschenbild und nicht zuletzt Franz Lenk mit durchaus fotorealistischen Stilleben.
Der Realismus ist eine stets wiederkehrende Richtung in der Geschichte der Kunst. Schon in der Antike galt es als Qualitätsbeweis, wenn Vögel nach gemalten Trauben pickten oder sogar ein geschulter Betrachter einen gemalten Vorhang beiseite schieben wollte. Konsequenterweise war die Vollendung der Malerei im objektiven" Realismus auch der große Gedanke insbesondere der Hochrenaissance.
Dazu schreibt Klaus Fußmann in einem Katalogbeitrag: Tatsächlich gab es in Europa lange Zeit die Hoffnung, eines Tages die Malerei zur Wissenschaft zu erheben. An diesem Ideal haben alle - von Uccello über Dürer und Leonardo bis hin zu Rosso Fiorentino [1494-1540] - gearbeitet; Raffael gab sich sogar der Gewissheit hin, er habe so viele Normen geschaffen, dass danach jeder seiner Schüler jederzeit ein anständiges Bild malen könne. Ein Bild sollte eine objektive, wissenschaftliche Wiedergabe der Realität sein und - wissenschaftlich gedacht - jederzeit wiederholbar sein. Ob es nun um die Zentralperspektive, die wirkungsvollste Schattierung oder die Proportionen des menschlichen Körpers ging, das Ziel war immer das richtige Maß und eine absolut richtige Abbildung der Realität. Davon waren sie alle besessen, und Rosso Fiorentino verfiel in Depressionen, als er sich eingestehen musste, wie unerreichbar das war. " (Die Realität, in: Ausst.-Kat. zur 1. Realismus-Triennale. Künstlersonde rbund in Deutschland. Martin-Gropius-Bau Berlin, 6.2.-21.3.1993.)
Der Realismus sollte in den folgenden vier Jahrhunderten das tragende Element der Kunst bleiben, hervorgehoben sei hier als zwei Generationen später folgender Höhepunkt die holländische Stillebenmalerei: Ziel der Kunst sollte immer sein, das Auge mittels Zeichnung und Farbe zu täuschen" so der Rembrandt-Schüler Samuel van Hoogstraeten (1627-1678). Ein Zeitgenosse van Hoogstraetens war der Maler, Kupferstecher und Künstlerbiograph Joachim von Sandrart, der nicht nur als Schüler des Malers Gerard van Honthorst mit der holländischen Malerei in Berührung kam, sondern auch insbesondere während seiner Amsterdamer Zeit 1637 bis 1644. In dessen Tradition der Kunstbetrachtung, vor allem aber in jener der Malerei des von Sandrart beschriebenen Straßburger Stillebenmalers Sebastian Stoskopff (1597-1657) sieht sich Michael Haussmann.
Bezüglich Realismen in der Kunst können wir weiterhin auf die Trompe-loeil-Malerei in Barock und Klassizismus verweisen, ferner auf die Realismen des Biedermeier, der Haager Schule, der eingangs erwähnten Neuen Sachlichkeit, der Nouveaux Réalistes Anfang der 60er Jahre sowie der Foto- und Hyperrealisten der amerikanischen Pop-Art. Es ist wahrhaftig unverständlich und aus kunsthistorischer Sicht keineswegs nachvollziehbar, dass ausgerechnet diese Kunstrichtung derartig verpönt ist vermutlich einfach auf Grund der Tatsache, dass sie vertraut" ist und nur ganz wenig Ideologie transportiert, dafür aber um so mehr Anregungen und Sehhilfen zum Wahrnehmen und Nachdenken.
Michael Haussmann ist erst seit Anfang der 70er Jahre bekennender Realist. Und ein intellektueller zudem. Er hat sich nach ausgeprägten abstrakten bzw. informellen Malphasen intensiv mit der realistischen Kunst und ihren Möglichkeiten beschäftigt, dabei - wie ihm zutiefst zueigen - auch mit der jeweiligen Literatur zu dieser Kunstrichtung. Denn Haussmann changiert leidenschaftlich zwischen realer und virtueller Welt, zwischen dem Ist und der Fiktion, zwischen dem Ich und dem Anderen.
Die Bilder der 70er Jahre waren klassisch zweidimensional, stark beeinflusst von der außerordentlich zeichnerischen Begabung des Künstlers, insbesondere der Kunst des Kupferstechens. Im Laufe dieses Jahrzehnts entstehen zudem erste skulpturale Arbeiten, meist handgeschnitzt, die einen enormen Sprung auslösen: Vom zeichnerischen Entwurf dieser Skulpturen über ihre manuelle Ausführung entwickelt Haussmann ein subtiles Gefühl für Räumlichkeit - korrekter: für Raumschichtungen -, das er fortan in seine Malerei re-investiert. Der überwiegende Teil der hier anschließend auf der CD-ROM präsentierten Gemälde sind unter diesem Einfluss seit Anfang der 80er Jahre entstanden. Für mich ganz persönlich, der ich ihn seit 1956 kenne, möchte ich 4 Gemälde auswählen, um deren Ideenreichtum über die Persönlichkeitsstruktur des Künstlers Michael Haussmann näher zu erläutern.
| 1. Die Puppe, 1982
Die Puppe - nackt bis auf gehäkelte Schühchen, den Betrachter an jedem Standort fixierend - liegt auf dem Deckel eines geschlossenen Flügels und damit im rechten Winkel zwischen Deckel und oberem Teil des Flügelkörpers. Sie spiegelt sich in beiden und damit entsteht eine eminent Realistische", d.h. plastisch-räumliche, also dreidimensionale Wirkung. Haussmann entspricht dieser Wirkung zusätzlich durch seine Signatur am Deckelrand unterhalb des rechten Puppenfußes: Sie spiegelt sich kopfstehend und seitenverkehrt im unteren Teil des Flügelkörpers. Mit diesem Gemälde eröffnet Michael Haussmann in seinem Oeuvre ein neues Kapitel das der scheinbar emotionslos wirkenden, akribischen Stilleben, die jedoch durch die verwendeten Sujets etwas Geheimnisvoll - Magisches mitteilen, das durchaus im persönlichen Bereich des Künstlers zu wurzeln vermag. |
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2. Der blaue Reiter, 1993
Das Ölbild, eine Huldigung an die Münchner Malergruppe gleichen Namens, ist eigentlich am ehesten eine persönliche Widmung an den russischen Juristen und Maler-Autodidakten Wassily Kandinsky: zum einen an dessen intellektuell - musisches Potential, zum anderen an seinen damaligen Wohnort Murnau in Oberbayern. Haussmann läßt sein Bild rhythmisch zwischen zwei Ebenen hin- und herspringen, zwischen einer blau strukturierten Grundfläche und dem aufgelegten Raster eines bruchstückhaft zusammengesetzten Puzzles. Das Puzzle spart etwa in der Mitte einen Reiter zu Pferde aus und gibt zugleich in den Farben grün, gelb-orange und violett eine Landschaft wieder, die an das Murnauer Moos erinnert. Diesen beiden Ebenen, die von der klassischen Horizontlinie aus konzipiert sind - wobei die Landschaft zusätzlich perspektivisch angelegt ist -, wird eine dritte Ebene - die der Drauf-sicht - appliziert: Auf das Puzzle aufgelegt hat Michael Hau ssmann drei Farbnäpfe mit den Grundfarben rot, blau und gelb, die deutlich ihre Komplementärfarben in der Landschaft kontrapunktieren. Dieses Gemälde belegt nicht nur die ausgesprochen intellektuell-spielerische Lust des Künstlers, sondern auch die Fähigkeit zu deren Umsetzung in überzeugender, eigenwillig abstrakter Trompe-loeil-Technik. |
| 3. Der Ursprung des Kunstwerkes, 1996
Das Acrylbild ist ein reines Vexierspiel und kann lustvoll um zahlreiche Ecken interpretiert werden, zum Beispiel: Es gibt eine Verbindung zwischen dem Text Heideggers über van Goghs Gemälde Ein Paar Schuhe" zu eben dem Schuh wie auch zu dem Spiegelbild im Teller, denn van Gogh fertigte seine Selbstbildnisse vorzugsweise vor dem Spiegel. Es gibt eine Verbindungslinie zwischen dem billigen Büchlein, das keinen Verlag aufweist [Reclam], dem teuren Schuh mit einem Logo ohne wirkliche Identifizierung [Bally] und dem Teller mit einem schemenhaften, scheinbar anonymen Spiegelbild. Es gibt eine Verbindung zwischen Martin Heidegger = MH = Michael Haussmann, dem Namenszug unter dem Logo im Schuh sowie zum Teller: Das in ihm fokussierte Spiegelbild ist - nach Art manieristischer Tondi - ein Konterfei des Künstlers. In diesem Gemälde verknüpft Haussmann nicht verschiedene räumliche Ebenen, sondern verschiedene Bedeutungsebenen zu einem maleri schen Ensemble. Gleichermaßen angelegt, aber noch abstrakter ist das Bild. |
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| 4. Der Schuh des Monsieur Braille, 1998
Die Bereitschaft, die intellektuellen Strapazen für den Betrachter zu erhöhen, verbindet der Künstler jedoch jederzeit mit Lösungshilfen, hier mit Monsieur Braille". Louis Braille (1809-1852) ist der Erfinder der Blindenschrift, die es den Blinden ermöglicht, mit den Fingerkuppen halbkugelartig in Papier geprägte rasterförmige Anordnugen als Buchstaben zu identifizieren. Michael Haussmann gibt nun in labil auf rotem Grund arrangierten Kugeln das Wort Schuh" der Braille-Schrift wieder. Nur der Sehende, der die Braille-Schrift kennt, könnte diese Anordnung der Kugeln, die lediglich plastisch gemalt ist, als Schuh" entziffern. Wobei die gelbe unter den schwarzen Kugeln (der Schuh ist außen schwarz) einen ironischen Zusatzhinweis beinhaltet: Der Schuh ist innen gelb. |
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| A | |
| ... | |
| Anspruch | Man kann einen Künstler nur an seinem Anspruch messen. Michelangelo und Käthe Kruse kann man nicht gegeneinander aufrechnen. Ein schlechtes Kunstwerk ist eines, das seinem Anspruch nicht gerecht wird. |
| ... | |
| B | |
| ... | |
| Beachtung |
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| Bestimmung |
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| Bewusstes und Unbewusstes |
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| ... | |
| E | |
| ... | |
| Entspannung |
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| ... | |
| F | |
| ... | |
| Form follows function |
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| ... | |
| G | |
| ... | |
| Geld
und Kunst |
Kunstwerke sind ihrem ursprünglichen Charakter nach nicht dafür da, dass Dritte mit ihnen Geld verdienen. |
| Genie
und Irrsinn |
An einem verrückten Künstler ist die Kunst das Nicht-Verrückte. |
| Gnadenbilder | sind Kunstwerke, deren ästhetische Qualität für ihre Liebhaber ohne Bedeutung ist. |
| ... | |
| H | |
| ... | |
| Hungerkünstler | sind Vorfahren der Happening-Künstler. Es sei denn, sie verhungern; dann sind sie keine Künstler mehr. |
| ... | |
| K | |
| ... | |
| Kulturstadt | In München wird klassische Musik heute offiziell in den U-Bahnhöfen eingesetzt, um Penner und Junkies zu vertreiben. |
| Kunsthändler | verstehen von Kunst so viel wie Immobilienmakler von Architektur. |
| ... | |
| P | |
| ... | |
| Pornographie | Pornographie heißt nicht, dass etwas getan wird, sondern dass etwas dargestellt wird. Darstellung ist Kunst. Also ist Pornographie Kunst. |
| ... | |
| R | |
| ... | |
| Röhrende Hirsche |
Die Röhrenden Hirsche von gestern sind heute die Mirós und Hundertwasser. |
| ... | |
| U | |
| ... | |
| Umgekehrt wird ein Schuh draus |
Martin Heidegger: "Im Werk ("Ein Paar Schuhe" von Van Gogh) kommt das Zeugsein des Zeugs zur wahren Anschauung." |
| ... | |
| W | |
| ... | |
| Welt- verbesserung |
Wie wenig Kunst die Welt verbessert, kann man gut an Schauspielern sehen, deren lebenslanges Sprechen von Goethe und Shakespeare sie nicht im geringsten besser oder klüger gemacht hat. |
| ... | |
Aus einem mehr als 2000 Jahre alten griechischen Puzzle entwickelte der Münchner Künstler Michael Haussmann ein Gemälde, das der Betrachter immer wieder selbst verändern kann.
Man sagt, das Schwierigste beim Verfassen eines Textes sei der erste Satz. Jeder, der sich daran schon versucht hat, kennt dieses Dilemma und doch hat sich bis heute kein Wissenschaftler mit der Frage beschäftigt, wieviele Möglichkeiten, einen Text zu beginnen, es überhaupt gibt. Wäre dies geklärt, so der verlockende Gedanke, könnte sich der Autor einfach aus den – sagen wir – zwanzig Möglichkeiten die schönste aussuchen und die halbe Arbeit wäre getan. Der Wissenschaftler, in dessen Zuständigkeit dieses Problem fiele, ist Mathematiker und sein Teilgebiet wird Kombinatorik genannt. Er untersucht auf wieviele Arten bestimmte Objekte ausgewählt oder angeordnet werden können und ermöglicht damit zum Beispiel die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten bei Lotto- und Würfelspielen.
Obwohl sich die Kombinatorik als eigenständige Disziplin erst im Computerzeitalter etablieren konnte, besitzt sie viele berühmte Ahnen und Paten, darunter Blaise Pascal, Gottfried Wilhelm Leibniz und den griechischen Universalgelehrten Archimedes. Letzterem wird auch eine mehr als 2000 Jahre alte Variante von Puzzles und Legespielen zugeschrieben: das Stomachion. Dabei wird eine quadratische Grundfläche mittels eines bestimmten Verfahrens in 14 Teile zerlegt. Die Unterteilung erfolgt nicht beliebig, sondern entlang der Eckpunkte eines Gitternetzes aus 12 x 12 Quadraten, das auf der Grundfläche aufgetragen wurde. Die so entstandenen Drei-, Vier- und Fünfecke können nun auf unterschiedliche Arten wieder zu einem Quadrat kombiniert werden.
Darüber, ob schon Archimedes wußte, wieviele unterschiedliche Legemöglichkeiten sich aus seinem Stomachion ergeben, kann nur spekuliert werden. Die Kombinatorik jedoch hat vor einigen Jahren in diesem Problem eine interessante mathematische Fragestellung erkannt und mit Hilfe des Computers gelöst.
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| Die Grundfläche jedes Stomachions ist in 14 Teile entlang eines Rasters aus 12 x 12 Quadraten zerlegt. |
Bei Beachtung der Symmetrie kann das Stomachionquadrat auf 536 verschiedene Arten aus seinen Einzelteilen zusammengesetzt werden. Wenn jede Drehung und Spiegelung als eigene Variante gezählt wird, ergeben sich sogar mehr als 17000 mögliche Lösungen. Damit reiht sich das Stomachion in eine Vielzahl von Gedulds-, Logik- und Geschicklichkeitsspielen wie dem chinesischen Tangram-Puzzle oder der japanischen Origami-Falttechnik ein.
Unbekannt ist, ob Archimedes bei der Erfindung seines Puzzles mehr wissenschaftliche oder spielerische Ambitionen verfolgte. Der Münchner Künstler Michael Haussmann fügte nun den verschiedenen Interpretationen des uralten Rätsels eine weitere hinzu. Er schuf ein Ölbild und zerlegte es nach dem Stomachion-Verfahren in 14 Teile. So entstand ein Kunstwerk an der Grenze zwischen Gemälde und Relief, das der Betrachter zerlegen und immer wieder anders kombinieren kann. Und da Michael Haussmann auch die Rückseite der Einzelteile bemalt hat, ergeben sich bei seinem Stomachion sogar noch mehr Variationsmöglichkeiten als beim griechischen Original.
Um ein leichtes Umlegen der Einzelteile zu ermöglichen, wurde das 90 x 90 cm große quadratische Gemälde in einem speziell angefertigten Holzrahmen gelagert. Die ebenfalls hölzernen Teile des Werkes sind dabei nicht aus einem einzigen Quadrat geschnitten worden, sondern aus verschiedenen Rechtecken, um Verluste durch den Sägeschnitt zu vermeiden.
Das Werk zeigt einen Schmetterling in schillernd bunten Farben auf hellblauem Hintergrund. Zudem ist der Name des Künstlers und das Entstehungsjahr – „Haussmann 2005“ - über die Einzelteile des Gemäldes verteilt. Die Rückseiten der Drei-, Vier- und Fünfecke sind ebenfalls hellblau bemalt. Auf das Archimedische Stomachion wurde Michael Haussmann vor einigen Jahren durch einen Zeitungsartikel aufmerksam und suchte seitdem nach einem passenden Anlass für eine eigene Umsetzung.
Als im Frühjahr 2005 Winfried Tiedge, ein Münchner Unternehmer und langjähriger Freund Haussmanns, nach einem neuen Kunstwerk für seine Büroräume suchte, entstand die Idee, den Schmetterling als Logo von Tiedges Firma TARA Systems in ein Stomachion zu transformieren. Haussmann selbst hatte 1990 das Tagpfauenauge, lat. „Inachis Io“, für das Logo des Münchner Softwarehauses entworfen. Dort symbolisiert der Schmetterling, der sich aus einem Computerchip entwickelt, die Metamorphose, das Wachstum und die farbenfrohe Graphik, die für das Unternehmen charakteristisch ist.
Im Stomachion selbst löst sich Michael Haussmann von dieser Vorlage und gestaltet einen Schmetterling in leuchtenden, fast surreal anmutenden Farben. Seinem Auftraggeber gefiel dabei vor allem die Idee, durch Umlegen der Puzzleteile das Aussehen des Kunstwerkes immer wieder selbst verändern zu können. Diese Vielfalt verbindet das Stomachion sowohl mit gegenständlicher als auch abstrakter Kunst. Um das Spiel mit den Variationen zu erleichtern, hat Haussmann neben dem massiven Original eine detailgetreue verkleinerte Kopie geschaffen, an welchem der Betrachter vorab verschiedene der 536 Kombinationen ausprobieren kann.
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| Haussmann’s Stomachion Legevariante: Frühling |
Winfried Tiedge und Michael Haussmann (v.l.) vor dem Stomachion. |
Winfried Tiedge nutzt die Legemöglichkeiten, um durch den Schmetterling als Repräsentant der Natur den Lauf der Jahreszeiten abzubilden. Während im Sommer das vollständige, leuchtend bunte Tagpfauenauge seine Büroräume schmückt, sind im kargen Winter nur Reste des Gemäldes erkennbar, als Bruchstücke der Erinnerung an warme sonnige Tage.
Diese Gestaltungsmöglichkeit, durch die der Betrachter selbst zum Künstler werden kann, macht den besonderen Reiz des Stomachions für Haussmann und Tiedge aus und zeigt, dass Kunst und mathematische Logik eine für beide Seiten bereichernde Verbindung eingehen können.
Steffen Herrmann, 2006
COPTOGRAPHIE (gr. kóptein = schlagen, schneiden, gráphein = zeichnen, schreiben) Französisch: Découpures oder Ombres blanches. Englisch: Cut-outs. Die ersten Hinweise auf diese Arbeiten, die hauptsächlich berühmte Zeitgenossen darstellen, reichen bis in die 1780-er Jahre zurück. Wird weißes Papier vor einer Lichtquelle gehalten, erscheint der helle Karton schwarz, die durchbrochenen Stellen hell. Im Kerzenschein lässt sich je nach Abstand von Licht und Projektionsfläche ein unterschiedlich großes, mehr oder weniger scharfes Bild, ähnlich einem Schattenriss, an die Wand werfen, mit dem wesentlichen Unterschied, dass statt eines undurchsichtigen schwarzen Motivs die Ausschnitte sich in lichten Umrissen zeigen. Mit zunehmender Projektionsdistanz wächst die Unschärfe des Bildrandes und die Gestalten erhalten eine unheimliche Lebendigkeit. (aus: "Ich sehe was, was Du nicht siehst". Sehmaschinen und Bilderwelten. Katalog der Sammlung Werner Nekes im Museum Ludwig, Köln, 2002)
Michael Haussmann, exzellenter Maler hochartifizieller Trompe-l'œil- Kompositionen, beschäftigte sich seit Ende der 1970-er Jahre mit einer vergleichsweise einfachen, handwerklich jedoch recht strapaziösen Wiedergabetechnik – dem Kupferstich. Von den Goldschmieden übernommen entwickelte sich der Kupferstich ab Mitte des 15. Jahrhunderts zu einer eigenen Bildgattung. Das Stechen erfordert eine ruhige Hand und verlangt viel Geduld und Übung. Es lässt ein freies, spontanes Arbeiten nicht zu, daher ist es ausgesprochen selten, dass Künstler und Stecher ein und dieselbe Person sind. Besonders berühmt wurde – das sei hier ausdrücklich erwähnt – Claude Mellan (1598-1688) durch seinen Stich eines Christuskopfs, der aus einer einzigen Spirallinie aufgebaut ist, die auf der Nasenspitze des Dargestellten beginnt. Durch das Auf- und Abschwellen der gestochenen Linie erhielt der Kopf eine eindrucksvolle Plastizität. Seit etwa 1830 trat der Stahlstich seinen Siegeszug an, Kupferstecher wurden ausgesprochen selten. Im 20. Jahrhundert mag hier – wie sollte es anders sein – Pablo Picasso genannt werden, der Mitte der 40-er Jahre eine Reihe von Frauenfiguren in der Technik des Kupferstichs verfertigte.
In seinen Porträts und Exlibris entwickelte Michael Haussmann wiederum eine stichtechnische Perfektion, die ihresgleichen sucht. Wie schon Claude Mellan schaffte auch er es, seine Darstellung aus einer einzigen Linie aufzubauen. Diese schwierige, ein hohes Maß an Disziplin erfordernde Technik des Konturierens führte – in einer Art Ideensprung – bei Haussmann dazu, sich nicht mehr des Stichels zu bedienen, sondern – in Erinnerung an Scherenschnitte – den Schritt ins Räumliche zu wagen und die Platten auszusägen. Die gleichen Kupferplatten nämlich, die er vorher zum Stechen nutzte - Platten von 1 mm Stärke –, nimmt er nun her, um Porträts mit der Säge zu konturieren. Damit er im Innenbereich der Platte beginnen kann, bohrt er ein Loch ins Metall, durch das er das extrem schmale Blatt der Laubsäge führt. Nach Abschluss des Sägeprozesses wird der Kontur des Dargestellten entgratet und geschliffen. Daraufhin lässt Haussmann die Platte mit einer Silberauflage galvanisieren, die er abschließend – da sie matt aus dem Galvanobad kommt – manuell auf Hochglanz poliert.
Wenn nun diese „Sägeschnitte" – die wie Negative wirken – vor eine Lichtquelle gestellt werden, ist – z.B. auf einer Wand – ein Schatten zu sehen, der auf verblüffende Weise den Eindruck eines Schwarzweiß-Abzugs von einem Fotonegativ hervorruft.
Der Begriff "Coptographie" ist so selten, dass man in der Suchmaschine „Google" nur zwei Treffer hat: den „Macher" von Coptographien – Michael Haussmann – und deren Sammler, Werner Nekes.
Auf der Suche nach einer Bezeichnung für diese Art von Porträtdarstellung stieß Haussmann über den Katalog „Ich sehe was, was Du nicht siehst" zu den Sehmaschinen und Bilderwelten der Sammlung Werner Nekes in Köln auf die Autorin Barbara Krafft, die in ihrem Aufsatz „Bilder verstecken – Bilder entdecken" den Begriff der Coptographie anwendet. Im Kapitel „Die Verschwörung der Schatten" führt sie aus: "Eine Schattenbildtechnik, deren Wirkung der Lithophanie verwandt ist, scheint um 1800 im Gefolge der Silhouettenkultur aus Frankreich oder Holland gekommen zu sein. Die Darstellung von vorzugsweise Portraits und Charakterköpfen wird aus hellem Papier so ausgeschnitten, dass die Lichter weggenommen werden, während die Schattenpartien stehen bleiben. In der Hand betrachtet ist ihr Sinn versteckt und unverständlich; mit einer Kerze auf eine weiße Fläche projiziert, haben diese ‚Lichtobjekte' gleich mehrere erstaunliche Eigenschaften: durch ihre Hell-Dunkel-Vertau-schung benützen sie den Negativ-Effekt lange vor dessen Anwendung in der Photographie; durch die weich modellierenden Halbschatten entlang der Binnenschnitte erzielen sie eine fast dreidimensionale Wirkung; im Flackern des Lichtes und durch die Bewegung der Hand rühren sie auch noch an die Grenze zur Animation: man glaubt Augen zwinkern und Münder sprechen zu sehen.
Die frühesten datierten Exemplare (1818) sind im Nachlass des Elsässer Pädagogen Oberlin. Um 1820 kamen fünf Serien nach französischer Vorlage in Wien heraus, Radierungen zum Selbstausschneiden mit dem Titel "Coptographische Unterhaltungen / Amusements coptographiques". Dieses gelehrte Kunstwort leitet sich vom griechischen ‚kóptein' (schlagen, schneiden) und ‚gráphein' (zeichnen, schreiben) her. Die beiliegende Erläuterung betont, dass diese "Ausdrucks- und Phantasie-Köpfe ... beyläufig die Wirkung einer gewischten Zeichnung nach Gyps-Modellen, die bey Lampenschein gemacht ist, hervorbringen."
Der Begriff ist so selten, dass man in der Suchmaschine „Google" nur zwei Treffer hat: den „Macher" von Coptographien – Michael Haussmann – und deren Sammler, Werner Nekes. Haussmann hat zur Zeit Adorno, Borgès, Wittgenstein, Einstein, Benn und Thomas Mann im Angebot. Aber auch Sie als Interessentin oder als Interessent können sich coptographisch darstellen lassen!
Jochen Kronjäger
Geb. 1940 in Berlin
Studierte Malerei an der Städelschule in Frankfurt/Main und Architektur an der TU München
von 1963 - 1972 in Paris und Bordeaux
Seit 1972 in München als freischaffender Maler und Bildhauer in München
Verheiratet mit der Malerin Petra Levis
Kunstverein Darmstadt 1959 - Ecole de Paris, Art et Jeunesse 1961 - Salon de la Jeune Peinture, Musée d'Art Moderne Paris 1963 - Kunstverein Rosenheim 1965 - Biennale Internationale de Merignac 1970 - Philip Morris International 1977 - Stadtmuseum München 1982 - Landesbank-Galerie München 1989 - Ladengalerie-Lothringerstrasse München 1989 - Galerie Markt Bruckmühl 1994 - Internationale Graphik-Biennale Maastricht 1994 - Dannerpreis, Neue Sammlung München 1997 - Galerie Ruf, München 1999 - Letteratur, Museum Flims, Schweiz 2000 - Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund 2000 - Galerie Rutzmoser München 2001/2002 - Kunstmesse Art Innsbruck 2003
Galerie Rose Lörch, München 1973 - Neue Münchner Galerie 1975 - One Man Show, Art Basel 1977 - Galerie Manfred Arndt, München 1978 - Französisches Kulturinstitut, München 1979 - Hypobank, München 1980 - Valentin-Museum, München 1981 - Galerie Hierling, München 1987 - Dresdner Bank, München 1989 - Schau-Raum, Freiburg 1992 - Galerie der B.A.T., Bayreuth 1994 - Galerie im Bürgerhaus, Garching 1997 - Goethe Institut, München 1999 - Galerie Thomas Hettlage, Grünwald 2003
Bayerische Staatsbibliothek - Graphische Sammlung, München - Valentin-Museum, München - Gutenberg-Museum, Mainz - Bibliothèque Municipale, Brive - Staatliches Museum Schloß Burgk - Deutsche Bibliothek, Frankfurt/Main - Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Relief, Hypobank Wiesbaden - Glasfenster, Hypobank Kitzingen - Glasfenster, Hypobank Augsburg - Eingangsgestaltung, Klinik am Hofgarten Aschaffenburg - Holzskulpturen, Kerschensteiner-Berufsbildungszentrum München - Gobelins, Paul-Gerhardt-Kirche Ehrenkirchen - Fassadengestaltung Arkadenhaus Ebersberg - Symbolsteine, Evg. Christuskirche Prien-Chiemsee
Beate Behaim-Schwarzbach "Rund ums Buch", Sendung des Bayerischen Rundfunks, 2000 - Danner-Stiftung, (Kat.Ausst.) "Das Schöne, das Nützliche und die Kunst", München 1996 - Wilhelm Deinert, "Alchemie der Linie", Edition Galerie Hierling, München 1987 - Vera Grötzinger, "Köpfe", Sendung des Bayerischen Fernsehens 1987 - Peter Heiligenthal, "Die Realität der Bilder", in: Tendenzen 126/127, München 1979 - Joseph Kiermeier-Debre, Fritz Franz Vogel, "Menschenalphabete", Jonas Verlag, Marburg 2001 - Jochen Kronjäger, "Michael Haussmanns Coptographien", Kat. Neue coptographische Portraits, München 2004 - Heinz Jürgen Sauermost, "Michael Haussmann", in: Novum 9, Bruckmann Verlag, München 1981 - Axel Winterstein, "Mit beständiger Strenge", in "UND" 8, München 1999 -
"Illustration - Variation - Portrait", in: Illustration 63, Heft 1, Memmingen 1994
"Der Stoff aus dem die Kunst ist" Akademie der Bildenden Künste, München 1998
"Sehr viele schöne curiose Werke stillstehender Sachen", CD-ROM, ProMedia, Erding 1998
"Weites Land" Über die Bilder von Petra Levis, Konzoks Verlag, München 2002
"Kunst ABC", Konzoks Verlag, München 2006
| der blaue reiter, Journal für Philosophie Wilhelm Deinert KONZOKS Verlag Dr. Jochen Kronjäger Kerstin Levis, Architekturbüro Petra Levis Günter Bauer, Schreinerei Helmut Trunz Léo Jeanneney VG Bildkunst, Bonn |
www.derblauerreiter.de www.wilhelmdeinert.de www.konzoks.com www.kronjaeger.com/jochen2/ www.kerstinlevis.de www.petralevis.com www.schreiner-bauer.de www.trunz.com www.leojeanneney.online.fr www.bildkunst.de |
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Last Updated: 2010-01-15
